Das lange und intensiv verdrängte wahre Ich lässt sich nicht mit Süßigkeiten aus der Reserve locken. Die geballte angestaute Wucht blockierter Ich-Energie befindet sich in einem bombensicheren Bunker. Ihn von außen mit Schmetterlingen und Blümchen zu bemalen, erfreut die Verpackungskünstler, Maskenbildner und Modedesigner.

Statt sich der Schwere der Depression bewusst zu werden, um dem unterdrückten Ich offen und ehrlich zu begegnen, geht es weiter im alten Stil. Alles wird zur Kunst erklärt, auf dem Markt dargeboten, um sich im Lichte der Öffentlichkeit feiern zu lassen, Kritik abzuwehren oder aus dem Weg zu gehen. Lobhudeleien dienen als Beziehungskitt. Fehler, Entgleisungen, Abweichungen, Verwirrungen werden als originelle Eigenarten in den Himmel gehoben, verehrt und gepflegt, das Kind darf tun und lassen, was es will, seine Mutti ist stolz auf jeden einzelnen seiner Kleckse.

„So ist das nun mal“. Die Dementen sind dement, weil die Menschen immer älter würden und die Gehirne auf Grund von Alterserscheinungen nicht mehr funktionierten, die psychisch Kranken sind krank, weil sie eine so schwere Kindheit hatten und diverse Traumata, die Kriminellen waren verwahrloste Kinder, um die sich niemand liebevoll kümmerte, die Künstler sind Genies und Mimosen, – man schaue sich nur mal die großen Schriftsteller, Komponisten und Maler von anno dazumal an, das gehört dazu, ohne Leid kein Preis, da muss man halt Opfer bringen, und die Blöden, Dummen, Normalbürger haben sich dem zu unterwerfen und zu dienen, ja, und die Heiligen müssen vor Gott eine schwere Prüfung ablegen und sich ans Kreuz nageln lassen, und das am besten täglich fastend über spitze Nagelbretter laufend.

Jeder möchte eine Sonderbehandlung auf Grund seiner Zuordnung, und derer gibt es unendlich viele. Da sind die Hochsensiblen, die Hochintelligenten, die Hochbegabten, die Hochwasauchimmer im Vergleich zu den Niederwasauchimmern. Die Hochwasauchimmer werden in Elfenbeintürmen untergebracht, die Niederwasauchimmer putzen deren Schuhe, die mangels Erdkontakt nie dreckig sind. Und jeder hat zu klagen, wenn auch hinter vorgehaltender Hand.

Missgunst, Eifersucht und Groll gelten als unheilig, der aufgeklärte Mensch hat dankbar zu sein, friedlich und sozial, jeden zu lieben wie sich selbst.

Und damit wären wir bei dem Salat, der sich nicht um Hoch- und Niederbeete schert: Wer sich selbst nicht liebt, liebt auch seine Nächsten nicht. Wer sich selbst belügt, belügt auch seine Nächsten. Wer vor sich selbst und seinen wahren Gefühlen davonläuft, läuft auch vor den wahren Gefühlen seiner Nächsten davon.

Aber es gibt ja genug Reisebüros. Auf in den Süden. Der Himmel voller Flugzeuge, beladen mit Flüchtlingen: vor sich selbst.
Eine aussichtslose Flucht, denn jeder nimmt sich selbst mit auf jede seiner Reisen.

aus: Jutta Riedel-Henck: Freiheit Frechheit. Deinstedt: Kompost-Verlag, 2019, S. 62-64.

 

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