Womit locken die Geldscheinwedler? Besser gefragt: Warum müssen sie locken? Werben? Bestechen? Erpressen? Anpreisen?

Wer lässt sich von ihnen übers Ohr hauen? Mehr noch: Wer lässt sich auf einen Fechtkampf ein?

Ich hatte nie Freude am Feilschen und Jagen von Schnäppchen. Ich mag Menschen, die wissen, was ihre Ware wert ist. Genauer: dass ihr Ware einen Wert hat! Das Feilschen mag wie ein Pokerspiel dazu dienen, die daran beteiligten Menschen kennen zu lernen, hinter ihre Maske zu schauen, falls sie eine tragen.

Lieber sind mir Menschen, die sich ihrer selbst bewusst sind, offen, wahrhaftig, ehrlich, aufrecht und geradeaus.

Feilschen und Pokern, um dem anderen die Wahrheit zu entlocken, weil er sie verbirgt oder womöglich gar nicht kennt? Muss ich erst provozieren, diskutieren, Debatten führen, damit der andere in seinem Denken in Bewegung gerät und reflektiert, um sich selbst auf den Grund zu kommen? Um sich selbst zu finden? Liegt die Provokation in der Natur des Menschen?

Daran glaube ich nicht. Es wird uns als normal verkauft, sich zu streiten, gegeneinander anzutreten. Wozu? Kontraste und Vielfalt bieten uns genügend Möglichkeiten, uns von dem anderen zu unterscheiden, uns zu vergleichen, unsere eigenen Grenzen zu spüren. Dafür muss ich die Außenwelt nicht herausfordern oder gar angreifen. Wo die Wahrheit sich aber hinter Masken versteckt, ohne sich offensichtlich ins Leben zu wagen, bleibt die Vielfalt im Verborgenen, um die miteinander Umgehenden zu verführen, sich gegenseitig aus der Reserve zu locken.

Jutta Riedel-Henck, 16. Mai 2022

 

aus: "Geldwertgefühl". Werk in der Entstehung: 3. Oktober 2021 – ...