Können wir uns etwas aneignen, das nicht aus unserem eigenen Sein geboren wurde? Nein. Wir können unsere Seelenhaut tätowieren und bleiben doch wir selbst.

Das Eigentliche ist immer das Eigentliche. Eine Seele lässt sich weder enteignen noch einem anderen zueignen. Des Teufels ist die Täuschung, ein scheinbarer Tausch, der niemals vollzogen werden kann. Jegliche Angst vor Enteignung beruht auf einer Lüge.

Was ich wahrhaftig durch mich selbst erfahre, ist einzigartig, nicht auf andere übertragbar.

Angst vor Enteignung ist in Wahrheit Angst vor der Lüge, die der Herrschaft des Verstandes bedarf. Jegliche Angst lässt sich entsprechend sofort auflösen, indem ich einen Strich durch die Rechnung meines Verstandes zeichne.

Angst vor Rechnungen, die wir nicht bezahlen können, offenbart uns die Grenzen unseres Verstandes.

Wer durchschaut das Weltwirtschaftssystem? Der Wirtschaftsminister? Wirtschaftswissenschaftler? Der reichste Mann der Welt? Ich glaube nicht an einen einzigen Menschen, der alle Fäden in der Hand hätte. Ich sehe Menschen, die miteinander streiten, gegeneinander antreten in dem Bestreben, alles besser zu wissen, aber nicht, dass irgendeiner von ihnen jemals besser wäre als seine Konkurrenten. Die Wertmaßstäbe, nach denen jeder Einzelne, Eigenartige urteilt, sind ebenso einzig- und eigenartig wie der Urteilende.

Natürlich ist jeder der Beste: für sich selbst. Jeder ist sich selbst am nächsten, auch und gerade der Wolf im Schafspelz, den es nur in der Fantasie denkender Menschen gibt. Kein Wolf käme auf die Idee, gekleidet in fettig triefender Wolle auf einer Wiese zu grasen und sein Spiegelbild zu jagen, weil er sich für seine eigene Beute hält.

Der Mensch schleppt seine Hunde zum Friseur und macht aus dem Wolf ein verschnörkeltes Möbelstück aus dem Rokoko. Wider alle Natur zelebriert er seine Selbstmissachtung. Warum eigentlich?

Jutta Riedel-Henck, 17. September 2022

 

aus: "Geldwertgefühl". Werk in der Entstehung: 3. Oktober 2021 – ...