Nichts persönlich nehmen. Das Nichts persönlich nehmen oder nichts persönlich nehmen? Ist das nicht ein und dasselbe, nämlich nichts?

Niemand kann das Nichts persönlich nehmen, da es nichts ist. Was nimmt er dann persönlich? Et-was? Und was ist das? Dieses Et-was?

Ich habe in den letzten Jahren Briefe gelesen, lesen müssen, in denen mein Name auftauchte. Es ging um "mich", das Haus, in dem ich lebe, den Mann, mit dem ich verheiratet bin, das Geld, das auf meinem Konto ist. Die Worte, welche meine Realität zu beschreiben vorgaben, widersprachen den Worten, die ich gewählt hätte, wäre ich gefragt worden. Also schrieb ich den Absendern lange Briefe, um ihnen vor Augen zu halten, dass ihre Wortwahl nicht mit meiner übereinstimmt.

Die an mich bzw. andere Personen gerichteten Worte, welche mich und meine Realität zu beschreiben vorgaben, nahm ich persönlich, denn sie hatten meine Person zum Thema. Sie wurden mir gewissermaßen angezogen, übergestülpt wie aufgezwungene Kleidung. Ähnlich einem Menschen, der in ein Gefängnis gesperrt und dort seiner selbst gewählten Kleidung beraubt wird, um ihn zu uniformieren.

Uniform, in Form, Information ... Die Form als Zwangsjacke.

Jedes Wort ist persönlich. Jedes Wort wird von einer Person formiert, ausgesprochen, weitergetragen. Lesen kann nur eine Person. Für eine Unperson, das Nichts, sind alle Zeichen bedeutungslos.

Jedes Zeichen wird von einer Person in einen persönlichen Zusammenhang gefügt. Jedes Zeichen beeinflusst alles Persönliche. Und jede Person, die Zeichen setzt, weiß um die Macht der Zeichensetzung. Sonst würde sie keine Zeichen setzen.

Ob jemand sich eines vorgedruckten Formulares oder vorformulierter Textbausteine bedient oder seine eigenen Zeichenkompositionen kreiert, entlastet ihn nicht von der Verantwortung im Umgang mit Zeichen. Es gibt keine Entschuldigung für Zeichensetzer. Jeder ist persönlich verantwortlich für jedes Zeichen, das er setzt. Ob in den Sand gezeichnet, auf ein Blatt Papier, in eine elektronisch erzeugte Kommentarbox getippt, gesprochen oder gesungen. Jedes Zeichen hat das Potenzial, eine die gesamte Weltbevölkerung vernichtende Waffe zu sein.

Jedes Zeichen hinterlässt seine Spur. Unwiderruflich.

Am Anfang war das Wort. Ein Zeichen. So begann die Geschichte der Menschheit. Ein Roman ohne Ende.

Jede Person ist Autor. Verantwortlich für jedes von ihr gesetzte Zeichen.

Jutta Riedel-Henck, 20. November 2022

 

aus: "Nichtsvertrauen". Werk in der Entstehung: 4. Oktober 2022 – ...