Mit der physischen Geburt startet das Neugeborene den Weg der Ausbildung seiner eigenen Identität. Eng umsponnen vom mutterbildlich geprägten Kokon strebt es danach zu wachsen, reifen, die fremde Identität abzustreifen, sich zu entwickeln und entfalten.

Es gibt Mütter, die dazu neigen, ihr Kind festzuhalten und in seiner Fortentwicklung zu behindern, indem sie vorschnell eingreifen, jede Bewegung kontrollierend überwachen, Spielräume beschneiden, alles ihnen Unangenehme von ihrem Kind abwenden. Seine von der Mutter offen oder subtil abgewertete Entdeckerfreude erfährt es nun als unerwünschtes, böses und verbotenes Verlangen, um sich schuldig zu fühlen für seine ureigenen egoistischen Bedürfnisse nach neuen Abenteuern. Enttäuscht und gedemütigt orientiert es sich zunehmend an den Reaktionen seiner nächsten Bezugsperson auf der Suche nach positiver Bestätigung, um sein Verhalten konditionieren zu lassen.

Statt seine eigene Identität zu entwickeln, bleibt es im mütterlichen Bilderwald gefangen und nimmt unter ihrer Regie die Rolle eines Schauspielers an, der Mutter und dem Publikum ihres Films zu gefallen. Emotional abhängig von den Reaktionen seiner Umwelt, liegt sein Schwerpunkt nun auf der Beobachtung und Analyse der Außenwelt, während die inneren Impulse seines ursprünglichen Ichs in Vergessenheit geraten.

aus: Jutta Riedel-Henck: Freiheit Frechheit. Deinstedt: Kompost-Verlag, 2019, S. 59-60.