Wochen waren vergangen, und Tage wirkten wie laue Aufwärmversuche alter Geschichten, die nach Kaffee schmeckten, der stundenlang auf der Warmhalteplatte gestanden hatte. Eva war unzufrieden mit sich und ihrem Leben, mit den Menschen um sie herum, die immerzu danach strebten, die Vergangenheit aufrecht zu erhalten, indem sie davon erzählten und mit guten Taten angaben, die sie mit Worten aussprachen und sich erdachten. Fehler wurden zugegeben in der Erwartung, Eva möge widersprechen und gleichzeitig dafür loben, dass sie erkannt wurden – man glaubte sich mutig und aufgeschlossen. Aber nichts passierte ... Eva begann zu zweifeln.

Personen aus früheren Zeiten tauchten plötzlich wieder auf, ob in Träumen oder der Realität, erst vor kurzem traf Eva einen ehemaligen Freund, mit dem sie den größten Teil ihrer Schulzeit verbracht hatte. Walter hatte meist Probleme mit dem Lernen gehabt, er rebellierte gegen Lehrer und Eltern, schwang große Reden und trotzte allen Konventionen per Kopf die Füße weich. Dann zog er sich Schuhe an und war nun Lehrer geworden. Ja, es hat sich wenig geändert, dachte Eva, als sie Walter betrachtete, der stolz von seinem Beruf plauderte, als habe er ihn aus der linken Hosentasche gezogen. Dass es sich hierbei um die Hosen einer klebrigen Masse von unzähligen Menschen handelte, wurde gerne unter die Sandkiste gekehrt – mit dem Handfeger, damit es auch nach Arbeit aussieht. Der Staat mit all den Hilfen, seine Heidschnucken beisammen zu halten, fördert die Großfamilie, je mehr Kinder, desto besser. Harte Fälle wurden gehoben, ob sie nun schwindelfrei waren oder nicht. Die Kleinen sollten groß sein dürfen und die Großen klein, auch wenn sie gar nicht wollten, das war die Gerechtigkeit, die Berechtigung gleich zu sein, egal was war, denn das Sein wurde bestimmt durch das Bewusstsein, welches von Illusionen genährt nach neuen Dimensionen Ausschau hielt, die Ursprünge des Daseins verleugnend wie die Eigenart alles Schöpferischen. Hochwasser um die Weihnachtszeit in vielen Städten ... hinweggeschwemmt die kleinen Unterschiede.

Walter war kein Einzelfall. Wäre er es gewesen, so hätte er schnell den Beruf gewechselt, denn alleine wollte er nicht sein und schon gar nicht einsam. Die Eitelkeit suchte ihren Nährboden nicht im Gleichgesinnten, sondern bei den offensichtlich Untergebenen: den Schülern, Kindern, wie er einmal eines gewesen war. Natürlich wird er die Fehler nicht wiederholen und alles besser machen ... Eva verabschiedete sich und spürte, wie die Vergangenheit sie verfolgte.

Auf einem Blatt Papier kritzelte sie kleine Figuren, die sie schließlich durch Striche miteinander verband, während sie mit einem Verwandten telefonierte, der sich von Zeit zu Zeit bei ihr meldete, um Eva nach ihrem Befinden zu befragen und von seiner Arbeit und Familie zu erzählen, zunächst harmonisch, dann in Meckereien mündend, die schließlich zu Fragen wurden, und am Ende war es eine bloße Aufforderung, jemand möge sich seiner annehmen, damit er nicht mit sich selbst alleine wäre. Eva war zu höflich, um ihn zu bitten, er möge sie nicht mehr anrufen. Das ärgerte sie, und vor allem spürte ihr Gegenüber nichts von ihrer Abneigung, so dass eine Art Gespräch stattfand, die Eva von Grund auf hasste, vielleicht deshalb, weil sie sich nicht dagegen wehren konnte. Später würde sie ständig über diesen Menschen und seine Probleme nachdenken müssen, sich fragen, ob er nicht die so heiß ersehnte Hilfe von ihr verdient habe und sie bloß egoistisch sei und womöglich entscheidend dazu beitrug, dass er keine Lösungen fände. Innerlich voller Ekel und Abscheu, im Verhalten freundlich und einfühlend, das Denken verwirrte sie, und nur für Momente halfen ihr kleine Gesetze und Prinzipien, sich von dem Durcheinander zu distanzieren – bis zum nächsten Mal.

„Bis zum nächsten Mal! Und halt die Ohren steif!“, verabschiedete sich der aufdringliche Anrufer. Eva legte den Hörer zögernd auf die Gabel, die keine mehr war, und verdrehte die Augen. „Dieser Schmarotzer!“, schimpfte sie vor sich hin und einige andere giftgeladene Lautgebilde, die hier nicht dokumentiert sein wollen.

Die Vergangenheit berührte sie mit den Zehenspitzen.

 

Aus "Eva und der Schlangenzüchter" von Jutta Riedel-Henck, 21.10.1991 – ? (letzte Aufzeichnungen aus dem Jahr 2000).